Fortbildung Familienaufstellung

Vergangenes hinter sich lassen – mit alten Konflikten abschließen – im Hier und Jetzt mit sich und seinen Mitmenschen im Reinen sein: Hehre Ziele, die zu erreichen oft unmöglich scheint. Vor allem, wenn die Konfliktpartner bereits von uns gegangen oder aus anderen Gründen nicht  direkt ansprechbar sind. Wie kann ich den elterlichen Druck abbauen, die vorwurfsvollen Blicke der Tante verarbeiten, den totgeschwiegenen Themen Raum geben? Wie lasse ich eine liebgewonnene Person los und finde nach Jahren des Schwankens zurück zu einer inneren Balance?

Stanko Gerjolj mit vier jungen Lehrkräften, die zum ersten Mal an einer Fortbildung des IGNW teilgenommen haben.

„Gute Lösungen finden – Familienaufstellung als ganzheitliches Lernen im Sinne der christlichen Gestaltpädagogik“ lautet der Titel der Fortbildung, die vom 22. auf den 23. Oktober 2016 im Haus Immaculata in Paderborn stattgefunden hat. Stanko Gerjolj, Priester, Professor für Pädagogische Psychologie an der Universität Ljubljana und amtierender Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft für Integrative Gestaltpädagogik, leitete und unterstützte die 25 TeilnehmerInnen auf einer Reise zu den jeweils eigenen Wurzeln. Nachdem bei der Ankommensrunde auf der Mitgliederversammlung am Vortag anhand von persönlichen Erinnerungsstücken besonders prägende Szenen aus der Kindheit wachgerufen worden waren, nutzte Stanko die Vielfalt der Natur zur Anleitung einer Reflexion der individuellen familiären Situation. Welcher der zahlreichen Bäume im Park bildet meine Familie am besten ab? Welchen Gegenstand würde ich für welches Familienmitglied von einem Spaziergang über eine Sommerwiese mitbringen? Und welchen für mich selbst? Mithilfe von selbstgemalten Bildern halfen die TeilnehmerInnen sich anschließend gegenseitig behutsam, familiäre Beziehungen zu erspüren und zu deuten.

Noch konkreter und intensiver gelang dies in zwei von Stanko angeleiteten Familienaufstellungen: Zwei Teilnehmerinnen stellten ihre Herkunfts- bzw. aktuelle Familie mit Personen aus dem Kurs nach, sodass die Beziehungen zwischen den einzelnen Familienmitgliedern durch den Aufbau deutlich sichtbar wurden. Nachdem die darstellenden Personen ihre Position im Familiengefüge reflektiert hatten, wurde dieses durch oft minimale Veränderungen der Konstellation („Die Zeit läuft weiter – alle Familienmitglieder bewegen sich einen Schritt nach vorne!“, „Der ältere Bruder geht seinen eigenen Weg und entfernt sich ein Stück weit von der Familie.“) variiert. Im Zuge erneuter Reflexionen kamen häufig für die Außenstehenden und/oder anderen Familienmitglieder überraschende Empfindungen zum Ausdruck („Mein älterer Bruder steht jetzt hinter mir – ich fühle mich beobachtet und kontrolliert!“). Nicht selten wurden dabei auch Spannungen und Emotionen offenbar, die sich mit bisher unerklärlichen Erfahrungen aus dem tatsächlichen Familienleben deckten. Die beiden „wahren“ Familienmitglieder – nun in der Zuschauerrolle – erhielten somit die Möglichkeit, Reaktionen und Verhaltensweisen aus einem neuen Blickwinkel, mit einer gewissen Distanz, zu betrachten und, als eine für alle Beteiligten angenehme Position erreicht war, einmal in dieser Konstellation in die eigene Rolle zu schlüpfen. Auf diese Weise wurde es ihnen ermöglicht, Risiken und Chancen der eigenen Familie zu entdecken, verwirrende Entwicklungen neu zu reflektieren und bisher verborgene Ressourcen zu aktivieren.

Die Fortbildung wurde abgerundet durch die feierliche Übergabe der fünf Graduierungsurkunden an Barbara Fisch, Detlev Gethmann, Ferdi Schilles, Ulla Sindermann und Pater Cornelius Wanner, OSB  im Rahmen eines gemeinsamen Gottesdienstes.

Stanko mit den frisch Graduierten: (von links nach rechts) Detlev Gethmann, Ferdi Schilles (hintere Reihe), Ulla Sindermann, Stanko Gerjolj, Pater Cornelius Wanner (hintere Reihe), Barbara Fisch

„Gute Lösungen“ – wenn es auch schwierig bzw. in den meisten Fällen unmöglich ist, in einer zweitägigen Veranstaltung Probleme, die sich über Jahre, oft Jahrzehnte hinweg entwickelt haben, aus der Welt zu schaffen, so ist es Stanko mit seiner ruhigen, bestimmten Art und seinen stets gut durchdachten, anregenden Hinweisen doch auf jeden Fall gelungen, den TeilnehmerInnen neue Perspektiven aufzuzeigen und somit neue Wege zu einer zufriedenen, ausgeglichenen Zukunft zu eröffnen.